Lloyd Jones las beim Literaturpflaster
aus "Die Frau im blauen Mantel"

Viele lose Enden
Der neuseeländische Autor verfügt über eine ruhige Sprache,
mit der er kraftvolle Bilder kreiert.

Autor Lloyd Jones dürfte mit seinen ruhigen, kraftvollen Sprachbildern in Wittgenstein eine Reihe neuer Fans gewonnen haben. (SZ-Foto: Guido Schneider)

Bad Berleburg. (schn) "Die Frau im blauen Mantel" ist ein ungewöhnliches Buch, so ungewöhnlich wie der Ort, an dem es am Montagabend gelesen wurde. Der Schöpfer des Werkes, Lloyd Jones, las und diskutierte in der Backstube des Cafés Wahl in Bad Berleburg. Mit der Hitze der Backöfen im Rücken stellte der Neuseeländer seinen dritten, auf Deutsch erschienenen Roman vor. "So wie es in einer Bäckerei um die Zutaten geht, so soll es auch heute Abend um die Zutaten zu einem Buch gehen", sagte der Autor. Für sein Buch hat er zweifelsohne ungewöhnliche Zutaten benutzt.

Während eines Studienaufenthalts in Berlin in den Jahren 2007/2008 sah er die Roma, die auf dem Alexanderplatz bettelten, und er, wie alle anderen, war immer wieder mit der Frage konfrontiert: Soll ich helfen oder nicht? Daneben erfuhr er von den Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer. Nur zwei seiner Zutaten zu seinem Roman. Auf den ersten Blick erzählt "Die Frau im blauen Mantel" eine Flüchtlingsgeschichte. Eine Frau kommt über das Mittelmeer, als sie Italien betritt ist sie eine Illegale, sie will nach Berlin. Diese Geschichten sind schon oft erzählt worden, viele Autoren haben sich daran abgearbeitet. Auf den zweiten Blick erkennt man, Lloyd Jones nutzt die Story lediglich als Plot für etwas viel Tiefgründigeres. Stück für Stück entsteht das Bild einer Frau, einer Afrikanerin mit ungewöhnlich heller Haut, die nach Deutschland kommt, um ihr Kind wiederzusehen. Dafür ist sie bereit, alle Skrupel beiseite zu schieben, sie wird zur Opportunistin, Lügnerin, Diebin. Doch das Bild dieser Frau, die sich Ines nennt und deren wahrer Name im Dunkel bleibt, wird nie ganz vollständig und das soll es auch nicht.

Es gehört zum Konzept des Buches, dass vieles unvollendet bleibt, das Beziehungsgeflecht hat viele lose Enden. "Ich wollte die Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive erzählen", sagte Lloyd Jones. Und doch hat er genau das getan, auf ganz eigene Art und Weise. Erst ab der Mitte des Buches lässt er Ines selbst zu Wort kommen, davor lässt er andere reden, es sind die Menschen, mit denen Ines in Kontakt kommt. So berichtet Defoe, ein Neuseeländer, der als Künstler nach Berlin kommt und mit Ines und dem blinden Akademiker Ralf eine Wohnung teilt, wie er sich in Ines verliebt und ihre dunkle Seite kennenlernt.

Jones selbst sagt, er habe diese Frau am Anfang nicht gekannt, niemand kenne diese Frau, und auch er habe sie erst durch die Augen der anderen kennengelernt. Lloyd Jones benutzt eine ruhige Sprache, die dennoch kraftvolle Bilder produziert. Der Ausdruck des Buches ist expressiv, der Eindruck bleibend. Die Frau, die einen schwarzen Deutschen kennenlernt, auf ein bessere Leben hofft, von ihm betrogen wird, deren eigenes Kind vom Vater nach Berlin entführt wurde, die Reise durch die "Festung Europa", der Kuhhandel mit dem Vater, der sich für Besuchszeiten bezahlen lässt – das alles hat Kraft.

Gegenüber den Charakterstudien, dem Bild einer Welt, in der an jeder Ecke Entscheidungen warten, und der Frage, wie hoch die Kosten dafür sind, tritt die erzählte Geschichte beinahe in den Hintergrund. Sicher ist der Autor damit ein Grenzgänger. Lloyd Jones hat mit "Die Frau im blauen Mantel" eine ungewöhnliche Erzählung geschaffen. Sicher nichts für Fans leichter Lesekost.

Schon die erste literarische Veranstaltung des Berleburger Literaturpflasters setzte ein Ausrufezeichen, sowohl beim Veranstaltungsort, als beim vorgestellten Buch. Rikarde Riedesel führte gewohnt souverän durch den Abend, Marlen Jourdan lieh dem Buch ihre Stimme, wie auch Lloyd Jones Passagen aus seinem Buch im Original las.

Von Guido Schneider


Siegener Zeitung (26.09.2012)
Internet: www.siegener-zeitung.de
Bildquelle: SZ-Foto von Guido Schneider (schn)

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