Literaturpflaster
führte bis in die Berleburger Schulen

Die Fünftklässler der Realschule, die Zehntklässler der
Hauptschule sowie die Jahrgangsstufe 11 des JAG lauschten
und löcherten Selim Özdogan

Schüler erlebten einen echten Schriftsteller,
der sie mit Routine, Ehrlichkeit und Respekt ernst nahm.

Bad Berleburg. (jg) "Also, Sie schreiben über ... ähm ... türkische ... äh, äh Einwohner, kann man das so sagen?", so begann die Frage einer der Elftklässlerinnen des Berleburger Johannes-Althusius-Gymnasiums, die sich allesamt am Montagmittag für anderthalb Stunden mit dem deutschen Autor Selim Özdogan unterhalten konnten. "Egal, was Du sagst, so lange Du es nicht böse meinst", so die Auskunft des 37-jährigen Türken aus Köln, der offenbar den Fallstricken der politische Korrektheit mit einer ganz einfachen Faustregel beikommt.

Zwar hatte sich nur einer der drei Deutsch-Literaturkurse des JAG mit 'Die Tochter des Schmieds' beschäftigt, aber das war kein Problem. So hörten die Elftklässler einfach andere Geschichten und stellten frei von der Leber weg ihre Fragen an den Autor. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Aber diese leichte Unsicherheit war nur eine kurze Momentaufnahme, ansonsten fragten die Gymnasiasten frisch, fromm, fröhlich, frei, was ihnen in den Sinn kam. Dabei hatte der Schriftsteller seinen Zuhörern gleich das "Du" angeboten. Eine Offerte, die einige der Schüler ganz selbstverständlich annahmen, andere fühlten sich offenbar mit dem förmlicheren "Sie" sicherer. Beeindruckend dabei vor allem die Ehrlichkeit des Autors. Am klarsten erkennbar, wenn mal eine Frage kam, die er nicht aus seinem Stehsatz der schon tausend Mal gegebenen Antworten abspulen konnte, dann überlegte er richtig lang. Kompromisslos ehrlich auch seine Antwort auf die Frage mit den türkischen Einwohnern, ob er deren Lebensweise den Deutschen erkläre wolle. Nein, er verstehe sich nämlich nicht als Vermittler zwischen den Kulturen. Er wolle Geschichten erzählen. Und die erzähle er auch, weil ihm die Geschichten gefielen und weil er sich selbst dabei was erklären könne.

Gute Gastgeberinnen waren Ulla Belz (2. v. l.) und Doris Oster (2. v. r.) von der Hauptschule, die Rikarde Riedesel und Selim Özdogan zum Frühstück zwischen zwei Lesungen einluden. (SZ-Foto: Jens Gesper)

Definitv nicht zu seinen Lieblingsfragen gehörte die mit der Schreibblockade. Die bekomme er an jeder Schule gestellt, sein klare Antwort: "Die gibt es gar nicht." Er habe die ganze Zeit so viele Gedanken im Kopf, das gehe schon beim Aufwachen los. Wenn jemand meine, er habe eine Schreibblockade, dann habe er nur einen Rat: "Du musst Dir besser beim Denken zuschauen." Und wenn es gar nicht anders gehe, dann klaue er eben in der Bibel. So hörten die Schüler Selim Özdogans Version vom "Turmbau zu Babel", bei ihm wurde daraus "Schwule Ziegen auf Lesbos". Hierin werden Buchstaben und Silben kunstvoll verdreht. Damit erwirbt sich der Schriftsteller mit dem türkischen Pass, der so viel mehr schöne und nicht so deutsche Wörter kennt als Otto-Normal-Sprecher, wahrhaftig seinen Germanistik-Meisterbrief. Weniger zu lachen gab es bei einer ganz anderen Geschichte über einen Nazi. Bei der Lesung für die Hauptschüler traf Selim Özdogan auf Zehntklässler, die sich allesamt mit seinem Roman "Die Tochter des Schmieds" beschäftigt und diesen in Auszüge gelesen hatten. Die 15-jährige Hannah hatte sogar den ganzen Roman noch kurz vor der Lesung verschlungen. Viele der Fragen aus dem Gymnasium tauchten auch hier wieder auf, etwa die nach dem Verdienst. Und da wurde die Lesung nebenbei zur Mathestunde: Zehn Prozent des Ladenverkaufspreises bekomme er, 17.000 Exemplare von der "Tochter des Schmieds" seien verkauft worden, das Buch habe er ungefähr ein Jahr lang vorbereitet und noch einmal anderthalb Jahren geschrieben. Kein Verdienst, der den Schülern attraktiv schien. Auch hier kam er nicht um die Sache mit der Türkei drumrum, auch wenn sich im gesamten zehnten Schuljahr der Berleburger Hauptschule kein Türke fand.

"Was halten Sie von türkischen Traditionen?", fragte einer der Schüler sehr vorsichtig, hier hatte übrigens keiner das Duz-Angebot des Schriftstellers angenommen. Die Frage war Selim Özdogan zu pauschal. So hakte er nach, worum es genau gehe. Und so hakten die beiden im Gespräch nach und nach Themen wie "Kopftuch-Tragen" und "Zwangsverheiratung" ab. Dinge, die der Türkei-Kenner einräumen musste, die er aber einfach rein zahlenmäßig in eine neue Relation setzte und – ohne eigene Bewertung – mit einem kulturellen Hintergrund versah. Bei der Nachfrage eines anderen Schülers nach Steinigungen konnte der Schriftsteller ausschließen, dass es so etwas in den vergangenen Jahrzehnten in der Türkei oder in Deutschland gegeben habe.

Türke oder Deutscher – das spielte gestern bei der letzten Schullesung von Selim Özdogan überhaupt kein Rolle. Das war den Fünftklässlern der Realschule einfach egal. Und hier beschritt der Buchautor denn auch einen ganz anderen Weg. Er las zwei Geschichten über einen Vater und seinen Sohn vor. Der Junge in der ersten Geschichte war vielleicht so alt wie die Schüler selbst, der zweite vielleicht so alt wie die Zehntklässler in der Lesung vorher. Mit vielen Fragen an die Kinder, zunächst zu den einzelnen Geschichten, dann zu beiden im Vergleich, brachte der Schriftsteller den Kindern etwas ganz Wichtiges bei. Er lehrte sie ohne erhobene Zeigefinger, sondern durch geschickte Fragen, sdie Geschichten ernst zu nehmen. Weil er selbst im Gespräch auch die Mädchen und Jungs spürbar ernst nahm.

Schade war nur, dass die Lesung für die Realschüler dann ein bisschen ein abruptes Ende nahm. Hier hatten zeitliche Absprachen im Vorfeld wohl nicht ganz gepasst. Lehrerseitig war die Lesung zweifelsohne von der Hauptschule am besten vorbereitet worden. Sehr schön war es zu sehen, dass sich die meisten Mädchen und Jungen quer durch die drei Schulformen hindurch auf das Abenteuer "Lesung" einließen und Spaß dran hatten. Für das Medium "Buch", das im immer schärferen Konkurrenz-Kampf mit Computer, Internet oder Spielekonsole steht, konnte so etwas nur gut sein. Genau wie für die Kinder und Jugendlichen selbst. Und es ist schön, dass mit den drei Schul-Lesungen die wunderbare Reihe "Literaturpflaster" in die Schulen kommt. Wenn man auch in dieser Saison leider wieder kaum Lehrer bei den übrigen vier Lesungen gesehen hat. Sieht man von einem pensionierten, einem aus der Grundschule und einem von einer Laaspher Schule ab.

Von Jens Gesper


Siegener Zeitung (12.11.2008)
SZ-Fotos (2): Jens Gesper (jg)

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